Das Wichtigste in Kürze
- Offene Forderungen bleiben beim bisherigen Anbieter bestehen, auch wenn ein neuer Liefervertrag zustande kommt.
- Ein neuer Stromlieferant darf den Vertragsabschluss von einer Bonitätsprüfung, Kaution oder Vorauszahlung abhängig machen oder ablehnen.
- Bei einer bereits angedrohten Stromsperre hat die Sicherung der Versorgung Vorrang vor dem Tarifvergleich.
- Die Grundversorgung bietet eine gesetzliche Auffanglösung, ist aber keine Möglichkeit, Schulden zu umgehen.
- Zahlen Sie laufende Abschläge weiter und vereinbaren Sie für Rückstände möglichst früh schriftlich eine tragfähige Lösung.
Wer offene Stromrechnungen hat, sucht häufig einen günstigeren Tarif, um die laufenden Kosten zu senken. Ein Stromanbieterwechsel trotz Schulden ist grundsätzlich möglich, löst alte Forderungen aber nicht auf. Entscheidend sind der Vertragsstatus, eine mögliche Sperrandrohung und die Annahmeprüfung des neuen Lieferanten. Dieser Ratgeber erklärt die Schritte ohne falsche Erfolgsversprechen.
Kann man mit Stromschulden den Anbieter wechseln?
Ja, ein Wechsel ist nicht allein deshalb verboten, weil beim bisherigen Lieferanten Rechnungen offen sind. Der alte und der neue Vertrag sind rechtlich getrennt. Der bisherige Anbieter kann seine berechtigten Forderungen weiter geltend machen; der neue Anbieter entscheidet seinerseits, ob er den beantragten Sondervertrag annimmt.
In der Praxis prüfen viele Lieferanten vor Vertragsschluss die Zahlungsfähigkeit. Ein negativer Bonitätseintrag, ein früherer Zahlungsausfall oder eine hohe offene Forderung kann zur Ablehnung führen. Manche Unternehmen bieten stattdessen einen Vertrag mit Kaution, Vorkasse oder kürzeren Zahlungsintervallen an. Solche Bedingungen sollten Sie besonders kritisch prüfen: Eine hohe Vorauszahlung belastet das Budget und birgt bei einer Insolvenz des Anbieters ein Verlustrisiko.
Ein erfolgreicher Wechsel ist daher möglich, aber nicht garantiert. Vergleichen Sie nur Tarife, deren laufende Abschläge realistisch zu Ihrem Haushaltsbudget passen. Ein niedriger Werbepreis im ersten Jahr hilft wenig, wenn ein Bonus erst spät ausgezahlt wird oder der Abschlag auf einem unrealistisch niedrigen Verbrauch beruht.
Sind Sie bereits in der Grundversorgung, können Sie diese grundsätzlich mit zwei Wochen Frist kündigen. Bei einem Sondervertrag gelten Mindestlaufzeit und Kündigungsfrist. Der schnelle technische Lieferantenwechsel verkürzt diese Vertragsfristen nicht. Mehr zu den regulären Abläufen erklärt unser Ratgeber Stromanbieter wechseln: Wann lohnt sich der Wechsel?.
Alte Schulden bleiben trotz Wechsel bestehen
Ein Anbieterwechsel ist kein Schuldenerlass. Nach Vertragsende erstellt der bisherige Lieferant eine Schlussrechnung. Darin werden der dokumentierte Zählerstand, bereits gezahlte Abschläge, Preise und offene Beträge miteinander verrechnet. Kontrollieren Sie die Rechnung sorgfältig und widersprechen Sie nachweisbar, wenn Zählerstand, Verbrauch oder Zahlungen falsch erfasst wurden.
Ist die Forderung korrekt, sollten Sie nicht einfach die Kommunikation einstellen. Bitten Sie schriftlich um eine Ratenzahlungsvereinbarung, die Sie dauerhaft einhalten können. Nennen Sie einen realistischen Monatsbetrag und zahlen Sie parallel die laufenden Kosten beim neuen Lieferanten. Eine Rate, die bereits nach einem Monat ausfällt, verschärft die Situation meist durch weitere Mahn- oder Inkassokosten.
Trennen Sie drei Beträge voneinander:
- laufende Abschläge für den aktuellen Verbrauch
- unstrittige Rückstände aus vergangenen Abrechnungen
- strittige Forderungen, deren Berechnung Sie schriftlich prüfen lassen
Überweisen Sie bei getrennten Forderungen mit einem eindeutigen Verwendungszweck. So lässt sich später nachvollziehen, welcher Betrag wofür bestimmt war. Bei komplexen Rückständen, Inkassoschreiben oder einer drohenden Sperre ist eine anerkannte Schuldnerberatung oder Verbraucherzentrale sinnvoll. Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Rechtsberatung.
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Liegt bereits eine Sperrandrohung vor, sollte nicht der günstigste Neuvertrag an erster Stelle stehen. Prüfen Sie sofort, ob die gesetzlichen Voraussetzungen eingehalten wurden und welche Summe die Sperre abwenden kann. Für die Grundversorgung regelt die Stromgrundversorgungsverordnung unter anderem Voraussetzungen, Informationspflichten und Verhältnismäßigkeit einer Unterbrechung.
Kontaktieren Sie den Lieferanten unverzüglich in Textform und zusätzlich telefonisch. Fragen Sie konkret nach Abwendungsvereinbarung, Ratenzahlung und dem Betrag, der für die Fortsetzung der Belieferung erforderlich ist. Dokumentieren Sie Namen, Datum und Gesprächsergebnis. Teilen Sie besondere Härten mit, etwa wenn Kleinkinder, pflegebedürftige Personen oder stromabhängige medizinische Geräte betroffen sind. Eine Sperre darf nicht außer Verhältnis zur Schwere der Pflichtverletzung stehen; der konkrete Einzelfall zählt.
Wichtig ist, eine angekündigte Sperre nicht durch einen bloßen Wechselantrag als erledigt anzusehen. Ein Lieferantenwechsel kann scheitern, zu spät wirksam werden oder die alte Forderung unberührt lassen. Auch eine kurzfristige Zuordnung zur Grund- oder Ersatzversorgung beseitigt keine bereits entstandenen Zahlungsansprüche.
Wenn die Frist knapp ist, helfen örtliche Sozialberatung, Jobcenter beziehungsweise Sozialamt im Rahmen ihrer Zuständigkeit, Schuldnerberatung oder Verbraucherzentrale bei der Klärung. Bei strittigem Lieferantenverhalten kann nach einem erfolglosen Beschwerdeverfahren auch die Schlichtungsstelle Energie infrage kommen.
So verbessern Sie die Chance auf einen tragfähigen Tarif
Beginnen Sie mit der letzten Jahresabrechnung. Notieren Sie Jahresverbrauch, Arbeitspreis, Grundpreis, Vertragsende und aktuellen Abschlag. Schätzen Sie den Verbrauch nicht bewusst zu niedrig, denn das führt später zu Nachzahlungen. Prüfen Sie zusätzlich, ob der aktuelle Abschlag wegen eines falschen Zählerstands oder eines einmaligen Mehrverbrauchs unangemessen ist. Unser Beitrag Abschlag zu hoch bei Strom und Gas: Was tun? zeigt die sachliche Prüfung.
Beim Vergleich sind folgende Kriterien wichtiger als ein großer Bonus:
- Jahresgesamtpreis bei Ihrem realen Verbrauch ohne Bonus berechnen.
- Monatliche Zahlung statt Vorkasse oder Strompaket bevorzugen.
- Kurze, verständliche Laufzeit und Kündigungsfrist wählen.
- Höhe und Fälligkeit einer möglichen Kaution vor Abschluss klären.
- Vertragszusammenfassung, Preisgarantie und Abschlag speichern.
- Erst nach ausdrücklicher Vertragsbestätigung mit dem Lieferbeginn rechnen.
Beantragen Sie nicht wahllos viele Verträge gleichzeitig. Mehrere Anträge schaffen Unklarheit über Lieferbeginn und Widerruf und können zusätzliche Bonitätsanfragen auslösen. Wählen Sie nach einem sorgfältigen Vergleich ein Angebot und warten Sie die Annahme ab. Wird es abgelehnt, fragen Sie nach einer alternativen Zahlungsweise, ohne sich zu einer riskanten Jahresvorauszahlung drängen zu lassen.
Grundversorgung, Kaution und Prepaid richtig einordnen
Kommt kein Sondervertrag zustande und wird an einer Wohnung Strom entnommen, entsteht unter den gesetzlichen Voraussetzungen regelmäßig eine Versorgung durch den örtlichen Grundversorger. Die Bundesnetzagentur informiert zu Vertragsarten und Anbieterwechsel. Die Grundversorgung ist flexibel kündbar, kann preislich aber über passenden Sondertarifen liegen.
Auch ein Grundversorger darf berechtigte Forderungen verfolgen. Bestehen Schulden gerade bei diesem Unternehmen, ist die Situation besonders sorgfältig zu klären. Ein Wechsel zwischen Marken oder Tarifen desselben Konzerns ist keine Garantie dafür, dass eine Annahmeprüfung entfällt.
Kautionen können das Ausfallrisiko des Lieferanten absichern. Prüfen Sie Höhe, Rückzahlungsbedingungen und Fälligkeit. Lassen Sie sich schriftlich bestätigen, wann die Kaution nach vertragsgemäßer Zahlung zurückgezahlt oder verrechnet wird. Vorkasse für viele Monate ist davon zu unterscheiden und für Haushalte mit knapper Liquidität meist ungeeignet.
Prepaid- oder Vorkassemodelle verhindern zwar neue unbezahlte Monatsrechnungen, können aber höhere Kosten, eingeschränkte Auswahl und finanzielle Vorleistung bedeuten. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern der vollständige Vertrag. Vermeiden Sie Angebote, die mit „garantiert ohne Prüfung“ werben, aber Preise, Anbieteridentität oder Rückzahlungsregeln nicht transparent nennen.
Fazit
Ein Stromanbieterwechsel trotz Schulden kann gelingen, ist aber weder garantiert noch eine Lösung für alte Forderungen. Sichern Sie bei Sperrgefahr zuerst die Versorgung, trennen Sie laufende Kosten von Rückständen und wählen Sie nur einen dauerhaft bezahlbaren Tarif. Ein transparenter Monatszahler ohne riskante Vorkasse ist meist wichtiger als ein hoher Bonus. Bei ernsten Zahlungsproblemen sollte frühzeitig eine anerkannte Beratungsstelle einbezogen werden.